Honigwerk: Imkern für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Honigwerk: Imkern für Menschen mit Handicap, Soda für Imker, Bild Sozialpädagoge Klaus Rascher, Foto privat

Interview mit Honigwerk

Mitten in München liegt die Honigwerkstatt (www.Honigwerk.de): ein Beschäftigungsprojekt für Menschen mit psychischen Erkrankungen, angeschlossen sind eine Imkerei vor den Toren der Stadt und ein Shop, wo Imker einige nützliche Produkte kaufen können. Klaus Rascher erklärte Ruth Auschra, warum er zum Beispiel Soda verkauft.

Wie sind Sie darauf gekommen, Soda für Imker zu verkaufen?

Rascher: Dazu muss ich zuerst das Projekt Honigwerk beschreiben. Ich bin Sozialpädagoge und arbeite schon mehrere Jahre für den Münchner Verein Community, ein Beschäftigungsprojekt für Menschen mit Behinderungen. Die Idee mit dem Imkern ist entstanden, nachdem ich 2003 einen Film über das Bienensterben gesehen hatte. Dadurch habe ich Interesse am Imkern bekommen. Vor ein paar Jahren fiel mir dann auf, dass ich schwache Völker hatte. Die Bienen waren einfach nicht vital. Ich überlegte, welche Ursachen es geben könnte und kam auf die Hygiene. Vielleicht hatte ich meine Hygieneaufgaben nicht gut genug erfüllt? Ich mochte es noch nie, mit Flammenwerfer oder Ätznatron zu arbeiten und hatte mich eher auf den angeborenen Putztrieb der Bienen verlassen. Aber vielleicht reicht das doch nicht? Ich war mir unsicher, also suchte ich nach Alternativen für die Reinigung und fand in der Schweiz viele Imker, die mit Sodalauge arbeiten.

Was genau reinigen Sie damit?

Rascher: Alle Gerätschaften, Zargen und Rähmchen werden vor dem Einlagern mit Sodalauge gereinigt. Mit dem Soda war ich auch auf einer Imkermesse und habe sehr unterschiedliche Reaktionen von Imkern erlebt. Manche Imker halten das Reinigen für übertrieben. Andere verbrennen die benutzten Rähmchen einfach, was ich ehrlich gesagt für eine unsinnige Verschwendung halte. Dafür muss man reich sein. Andere Imker erzählten aber auch von den Gefahren, die das Ätznatron mit sich bringt. Einer zeigte mir zum Beispiel seine verätzten Unterarme. Ihm war der große Reinigungsbehälter übergeschwappt – eine sehr schmerzhafte, üble Sache.

Und Soda ist ungefährlich?

Rascher: Sodalauge ist relativ unkompliziert, günstig und effektiv gegen verschiedene Keime. Welche Art der Reinigung nun richtig ist, das ist ein komplexes Thema. Aber wir bekommen Soda vom Hersteller direkt ab Werk günstig und füllen das Soda-Granulat dann in Honigeimer sehr guter Qualität. Ein doppelter Nutzen also, wenn die ‚Verpackung’ weiter verwendet werden kann und Abfall vermieden wird. Das war so die Geschäftsidee; man muss aber mal sehen, ob das auch ankommt.

 Wie viele Völker haben Sie?

Rascher: Wir haben nur 20-30 Bienenvölker. Um richtig Einnahmen über den Verkauf von Honig oder anderen Bienenprodukten zu machen, bräuchten wir mehr Völker. Aber ehrlich gesagt ist unsere Produktivität einfach nicht so hoch…

 Wieso?

Rascher: In der Imker-Gruppe sind 10-15 Menschen, die nur wenige Stunden arbeiten können. Sie sind psychisch krank und deshalb erwerbsunfähig, also bekommen sie Sozialhilfe. Die Arbeitsbedingungen müssen an ihre Fähigkeiten angepasst sein: Das Tempo darf nicht zu hoch sein, es geht bei ihnen nicht um Geschwindigkeit, sondern sie sollen genaues und gründliches Arbeiten lernen. Dazu sind viele Tätigkeiten aus dem Umfeld einer Imkerei geeignet. Bei uns gibt es etliche Tätigkeiten, die mit einfachen Handgriffen erledigt werden können, Rähmchen Bauen zum Beispiel. Aber auch dafür benötigt man Konzentration und Ausdauer. Oder nehmen Sie das Honigschleudern – das ist für uns eine körperlich schwere Arbeit. Wir entdeckeln per Hand, mit einer Entdeckelungsgabel also. Und es gelingt uns nicht immer, das Deckelwachs überall herunter zu hebeln. Also bekommen die Bienen manchmal ihren Honig zurück, weil wir es nicht schaffen.

Oh.

Rascher: Schlimm ist das nicht, die Bienen freuen sich darüber. Man darf auch nicht vergessen, dass es bei unserer Mannschaft um einen Zuverdienst geht, mehr nicht. Die Sozialhilfe ist in München ja nicht höher als in einer Kleinstadt, die Kosten aber schon. Unsere Mitarbeiter sind froh, dass sie diese Beschäftigung haben. Und ich freue mich über dieses sozialpädagogische Projekt! Das darf man nicht mit einer üblichen Imkerei vergleichen. Wie bieten ja Beschäftigung auch für manchmal besonders ungeschickte Menschen, andere haben so großen Respekt vor den Bienen, dass sie nicht mit mir zu ihnen rausfahren. Unsere Bienen stehen ja am Stadtrand von München, unsere Werkstatt ist hier im Zentrum. Wichtig ist bei diesem Projekt, dass es den Mitarbeitern eine neue Art von Alltag ermöglicht. Sie gehen morgens aus dem Haus, wie die Nachbarn auch. Sie müssen nicht über psychische Krankheiten oder das Sozialamt sprechen. Solche tagesstrukturierenden Maßnahmen sind für viele sehr wichtig. Und ich sehe oft, dass jemand seine anfängliche Ungeschicklichkeit nach einigen Jahren verliert und manuelle und organisatorische Fähigkeiten entwickelt.

Stellen Sie noch neue Mitarbeiter ein?

Rascher: Ja, aber nur, wenn sie psychisch krank und erwerbsunfähig sind, außerdem Sozialhilfe bekommen und in München wohnen. Am besten einfach das Kontaktformular der Heimatwerk-Homepage benutzen oder unter Tel. 089/55 06 09 92 anrufen!

Letzte Frage: Haben Sie einen Tipp, wen ich als nächsten interviewen könnte?

Rascher (nach einer Denkpause): Da möchte ich Ihnen gerne Hans Beer vorschlagen. Er ist ein älterer Imker, der jüngeren Imkern in Kursen einige wirklich wichtige Impulse in der Imkerei gibt.

Ok, danke, ich frage ihn gerne an. Ihnen wünsche ich viel Erfolg für Ihr schönes Projekt!

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